Gottorfer Codex Buch 1Im April riefen die Museen & Schlösser Bayern auf museumsperlen.de zu einer Blogparade auf, Thema #perlenfischen. Lange überlegte ich, was für mich eine besondere Museumsperle ist und mir sind da einige eingefallen. Woran ich aber schon lange mein Herz verloren habe ist der Gottorfer Codex. Der Name entstammt der aktuellen Forschung. Über den Besuch der Ausstellung vor etwa drei Jahren im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf bloggte ich bereits. Dennoch schreibe ich nun noch einmal über dieses wunderschöne Florilegium.

 

Der Ursprung für meine Faszination liegt vermutlich in den geheimnisvollen Vanitas-Blumenstillleben auf Gottorf, die ich seit vielen Jahren immer wieder gerne besuche. Diese Mixtur aus Blühen und Vergänglichkeit hat einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann.

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Vanitas-Stillleben, Schloss Gottorf

Blumen im Barock
Blumen und Schloss Gottorf gehören in der Zeit des Barock irgendwie zusammen. Denn wer sich mit der Geschichte des Schlosses und seinen verschiedenen Bewohnern befasst, kommt an Herzog Friedrich III. (1597–1659) nicht vorbei. Während seiner Regierungszeit entwickelte sich der Gottorfer Hof zu einem kulturellen Zentrum in Nordeuropa. Der Herzog beschäftige bekannte Maler und Wissenschaftler, ließ sich ein Planetarium bauen und besaß, wie es sich für einen Herrscher dieser Zeit geziemte, eine umfangreiche Bibliothek und beeindruckende Kunstkammer. Natürlich durfte ein Garten nicht fehlen – der Neuwerkgarten. Heute ist  dieser wieder hergestellt und lädt zum Lustwandeln ein. In jenem Garten gab es neben einheimischen auch exotische, sehr anspruchsvolle Pflanzen. Zu diesen gehörten mit Sicherheit Tulpen Hyazinthen, Zitrusgewächse und noch viel mehr. Für Nordeuropa im 17. Jahrhundert war das eine Sensation. Mehr als 1000 Pflanzenarten wuchsen im Neuwerkgarten, der Codex glich somit einem Inventar, den der Herzog seinen Gästen zeigen konnte.

Exkurs: Tulpen
Ein kleiner Abstecher zu den Tulpen: Im 17. Jahrhundert erfreuten sie sich einer ungemein großen Beliebtheit, besonders die zweifarbigen. Das führte in den 1630er Jahren zu ausufernden Spekulationsgeschäften in den Niederlanden, doch die sogenannte „Tulpenblase“ platzte letztendlich und viele Investoren verloren ihr Geld. Damals sprach man bisweilen von der „Tulpenraserei“.
Im Gottorfer Codex sind viele unterschiedliche Tulpen abgebildet, was das immense Interesse an ihnen wiederspiegelt.

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Tulpen, Gottorfer Codex Quelle: Wikimedia, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Hans Simon Holtzbecker, der Maler
Über den Hamburger Holtzbecker (zwischen 1610 und 1620 – vermutlich 1671) weiß man relativ wenig. In den Gottorfer Rechnungsbüchern taucht er als Blumenmaler, nicht als angestellter Hofmaler auf. Am Codex arbeitete er vermutlich in den Jahren 1649 bis 1659, wobei zumindest ein Besuch auf Gottorf anhand der Rechnungsbücher nachweisbar ist.  Der Codex umfasst vier Bände zu insgesamt 365 Seiten mit 1.180 Illustrationen. Holtzbecker malte die Blumen, Pflanzen und Früchte mit Gouache, also deckender Wasserfarbe, auf Kalbspergament. Das Besondere an diesem Florilegium ist, dass nicht nur die Pflanzen, sondern mitunter auch Wurzeln abgebildet sind. An sich galten Pflanzenwurzeln als nicht sehr ästhetisch und erscheinen in anderen Florilegien nicht. Der Gottorfer Codex hat möglicherweise einen wissenschaftlichen Anspruch sowie Sinn für Realität und soll nicht nur die Schönheit darstellen.

Der Codex heute
Die Gottorfer Herzöge pflegten enge verwandtschaftliche Kontakte zu Schweden und stellten sich damit gegen ihren Nachbarn Dänemark. Im Verlauf der Großen Nordischen Krieges (1700 bis 1721) verlor Schweden seine Großmachtstellung und das Herzogtum Gottorf seinen Verbündeten. Der Dänische König Friedrich IV (1671 – 1730) zog das Herzogtum Schleswig und Schloss Gottorf ein. Nach und nach wanderten Bibliothek, Kunstkammer und damit ebenfalls der Codex nach Kopenhagen. Dort geriet die Blumensammlung mit der Zeit in Vergessenheit. Erst die Dissertation Helga de Cluvelands 1989 und die Wiederentdeckung weiterer Werke Holtzbeckers änderten dieses.
Der Gottorfer Codex befindet sich in der Kupferstichsammlung des Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Dort wurde er viereinhalb Jahre aufwendig restauriert. 2013 stellte das Museum das Werk aus, im Jahr darauf war es dann im Landesmuseum Schloss Gottorf zu sehen. Die Blätter der ersten beiden Bände nicht mehr gebunden, diese Bilder konnten sich die Besucher direkt an den Wänden genauer anschauen. Da die Bände drei und vier besser erhalten sind, bleiben die Illustrationen in den Einbänden. Hier half die dann moderne Technik anhand eines Tablets, sich die kunstfertigen, digitalisierten Malereien anzusehen. Mich war faszinierte diese Ausstellung sehr, endlich konnte ich mir die Malereien genauer ansehen, über die ich bereits viel gehört und gelesen hatte. Irgendwie ein berührendes Erlebnis, an das ich mich immer wieder gern erinnere.

Galerie GC 1

Ranunkel und Kaiserkrone

Fotografieren war wegen der Empfindlichkeit der Objekte nicht erlaubt. Wer sich aber den Gottorfer Codex ansehen möchte, diese Links helfen weiter:
Band 1
Band 2
Band 3
Band 4

 

 

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